Dienstag, 01.09.2020

Wanderungen, Treppenlaufen, Radtouren oder in der Hocke arbeiten – Da zwickt, drückt oder zieht es schon mal hier und da im Gelenk. Gelenkschmerzen können sehr unterschiedlich sein, nur ein einzelnes Gelenk oder aber mehrere Gelenke, nur kleine Gelenke oder große Gelenke betreffen. Sie können akut oder chronisch auftreten. Im JoHo bündeln etablierte Gelenkexperten im Zentrum für Orthopädie, Wirbelsäule und Unfallchirurgie ihre Erfahrungen in einem gemeinsamen Zentrum. Einige unserer Experten stellen wir Ihnen in den kommenden Wochen vor. Den Anfang macht Dr. med. Michael Schneider, Chefarzt der Unfallchirurgie am JoHo und Experte für das Schultergelenk.

 

Was war Ihr Traumberuf als Kind? Wollten Sie schon immer Arzt werden?

Dr. Schneider: Als Kleinkind wollte ich Bauarbeiter oder Formel 1 Fahrer werden. Nachdem Abitur wollte ich zunächst Europäische Wirtschaft studieren und bin dann eher zufällig durch einen Freund zum „Medizinertest“ überredet worden. Durch meinen Zivildienst beim DRK hat mich dann die Medizin interessiert. Das war eine wegweisende Entscheidung, die ich bis heute zum Glück nicht bereue.

Warum haben Sie sich auf die Schulter spezialisiert?

Dr. Schneider: Ich hatte 1998 das Glück im Rahmen eines Praktikums bei Professor Christopher Jobe in Kalifornien zu arbeiten. Sein Vater Frank Jobe und er sind sehr berühmte Schulterspezialisten in den USA. Dort habe ich früh die Faszination für dieses Gelenk erleben können. Im Laufe meiner Ausbildung habe ich dann eine sehr breite Ausbildung in der Orthopädie und Unfallchirurgie erfahren und mich zunächst auf das Hüft- und Kniegelenk spezialisiert. Das Schultergelenk habe ich jedoch nie aus den Augen verloren und daher versuche ich, seitdem ich im JoHo bin, diesen Bereich weiter auszubauen.

Was macht die Schulter für Sie besonders?

Dr. Schneider: Das Schultergelenk besteht aus 5 Teilgelenken und ermöglicht den größten Bewegungsumfang aller Gelenke. Es ist eigentlich ein „Hochleistungssportler“ im Alltag. Welche wichtige Funktion die Schulter hat, merkt man immer erst wenn etwas verletzt oder beschädigt ist. Viele alltägliche Dinge funktionieren dann plötzlich nicht mehr wie gewohnt.

Welche Spezialistentipps haben Sie bei Problemen mit der Schulter?

Dr. Schneider: Wichtig ist, dass man viele Probleme auch ohne Operation lösen kann. Die Eigenmotivation ist enorm wichtig. Auch gut ausgebildete Physiotherapeuten sind gerade für das Schultergelenk ein wichtiger Faktor in der Therapie. Man erlebt immer wieder was man zusammen mit guten Therapeuten erreichen kann. Generell benötigen Schulterbeschwerden und Verletzungen oft viel Zeit und Geduld. Das hört man in unserer schnelllebigen Welt zwar nicht gerne, aber das ist leider oft die Realität. Also geduldig bleiben, die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten mit Bedacht abwägen und zusammenarbeiten.

Was tun Sie selbst, damit ihre eigene Schulter fit bleibt?

Dr. Schneider: Ich versuche, wenn möglich, Sport zu machen und meine Muskulatur zu trainieren.

Gibt es eine OP, an die Sie sich besonders gern zurückerinnern? Wenn ja, warum?

Dr. Schneider: Die Faszination am Operieren in unserem Fachgebiet ist, dass wir eine hohe Erfolgsquote haben und dadurch sehr viele Patienten zufrieden sind. Am spannendsten sind Operationen in denen man kreativ werden muss und manchmal auch eigene Ideen einbringt, die man in keinem Lehrbuch finden kann. Insbesondere die Unfallchirurgie kann immer wieder Situationen hervorrufen, die man vorher noch nicht gesehen oder gehört hat. Ich habe z.B. einer Patientin mit einer gelockerten Knieendoprothese und einer Fraktur im Bereich des Schienbeins ein spezielles Implantat eingebaut, nachdem sie innerhalb von 4 Jahren bereits 4 erfolglose Knieoperationen hatte. Ursache der Misserfolge war damals eine Metallallergie. Durch ein spezielles „Allergenfreies“ Implantat konnte ich die Situation lösen. Die Operation ist jetzt 7 Jahre her und bisher hat die Patientin keine Probleme und kann mit ihrem Kniegelenk wieder laufen.

Wer war Ihr ungewöhnlichster Patient/Ihre ungewöhnlichste Patientin?

Dr. Schneider: Das ist tatsächlich eine schwierige Frage, da man in 20 Jahren Beruf so viele tolle und ungewöhnliche Patienten erlebt. Ein spezieller Schulterpatient hat mich sehr früh geprägt. Ich war noch ein junger Arzt und habe eine Schultersprechstunde eigenständig geleitet. Ein Pat. der 1 ½ Jahre zuvor einen schweren Radunfall erlitten hatte, klagte über anhaltende Schmerzen im Schulterbereich. Er war schon bei mehreren Spezialisten aus verschiedenen Fachgebieten gewesen, ohne dass es eine Diagnose gab. Durch nochmaliges Befragen und eine detaillierte klinische Untersuchung habe ich eine Subluaxation des Schlüssel-, Brustbeingelenks (SC-Gelenk) feststellen können, die damals nicht entdeckt worden war. Dies ist eine eher seltene Verletzung. Wir konnten dann durch eine gezielte konservative Behandlung mit Manualtherapeuten und Physiotherapeuten einen deutlich gebesserten Zustand erreichen. Ich habe dadurch v.a. gelernt wie wichtig die Anamnese und eine gewissenhafte Untersuchung der Patienten ist. In unserer hektischen Welt verlassen wir uns leider oft  viel zu schnell auf die Apparatemedizin und vergessen unsere ureigensten Fähigkeiten als Arzt, nämlich die Geschichte des Patienten in die eigene körperliche Untersuchung einzuordnen. Diese Fähigkeiten entwickeln sich über ein ganzes Berufsleben und unabhängig davon wie lange man dabei ist lernt man immer wieder dazu.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit am liebsten, wenn Sie nicht an OPs und Gelenke denken?

Dr. Schneider: Ich bin seit meiner Jugend leidenschaftlicher Windsurfer und liebe das Meer. Leider komme ich dazu viel zu selten. Ich fahre viel Rennrad und spiele gerne Tennis und Fußball. Wenn ich mal Ruhe habe koche ich gerne für die Familie und Freunde und entspanne bei Musik.


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