Unser Psychosomatischer Dienst bietet hier für stationäre Patienten und deren Angehörige hilfreiche Informationen zum Umgang mit Belastungen durch Covid-19, die Coronavirus-Pandemie und die bestehende Kontaktsperre!

Nachdem im Januar 2020 der erste offiziell registrierte Covid-19-Fall in Deutschland aufgetreten ist, steigt die Anzahl der Infizierten täglich. Die bundesweiten Maßnahmen zur Eindämmung der Neuerkrankungen sind weitreichend. Schulen und Kindergärten wurden geschlossen. Am 22. März wurde eine Kontaktbeschränkung für mindestens 14 Tage verhängt, zwischenmenschliche Distanz soll zu einer langsameren Ausbreitung des Virus beitragen. In der Zwischenzeit wurde die Kontaktsperre zunächst verlängert. Die Ängste vor einer Infektion, die soziale Isolation und die beruflichen, ökonomischen und finanziellen Belastungen stellen eine gesamtgesellschaftliche Belastung über alle Altersgruppen hinweg dar. In der Vergangenheit zeigte sich, dass Epidemien und Pandemien mit einem erhöhten Stressniveau der Bevölkerung einhergehen. Ängste vor Symptomen oder davor, infiziert zu werden, können als Folge der aktuellen Maßnahmen ebenso auftreten wie Zukunftssorgen, Hilflosigkeit oder Niedergeschlagenheit. Bestehende familiäre Konflikte könnten sich durch die häusliche Isolation zuspitzen. Auch Frustration und Langeweile, eine fehlende Tagesstruktur, Einschränkungen der materiellen Versorgung, Fehlinformationen oder Stigmatisierung von Betroffenen stellen Herausforderungen dar. Die Ungewissheit, wie lange die ergriffenen Maßnahmen  aufrechterhalten bleiben, kann diese Belastungen weiter verstärken. Es ist davon auszugehen, dass eine erhöhte psychische Belastung aktuell in großen Teilen der Bevölkerung auftritt. Beispielsweise können Gereiztheit, innere Unruhe, Angstzustände oder Schlafstörungen als Ausdruck der Belastungen auftreten. Diese außergewöhnliche Situation führt insgesamt zu vielschichtigen Problemen, bedroht Existenzen und stellt somit eine extreme Herausforderung für die Gesellschaft dar.

Wie können Sie mit Ihren Stimmungen, Gefühlen wie Existenzängsten, Sorgen und der bestehenden Kontaktsperre umgehen?
Die Psychologie bietet verschiedene Ansatzmöglichkeiten, um diese herausfordernde Situation zu meistern. Insgesamt gilt dabei, dass wir Menschen sehr unterschiedlich sind. Dementsprechend können verschiedene Maßnahmen und Strategien auch als unterschiedlich hilfreich bewertet werden. Ich möchte Sie ermutigen, individuell für Sie passende Strategien und Maßnahmen auszuprobieren und umzusetzen. In der aktuellen Situation können ungewohnte Gefühle, Gedanken oder Verhaltensweisen auftreten. Es ist normal, dass es Zeit braucht, um sich auf die Veränderungen einzulassen und mit den Herausforderungen besser zurecht zu kommen.

Hilfreiche Tipps und Übungen:

  • Halten Sie eine Tagesstruktur ein! Mit der Einhaltung einer Tagesstruktur können Sie Sicherheit aufbauen und Hilflosigkeit reduzieren. Stellen Sie sich einen Wecker, stehen Sie auf und tauschen Sie Ihren Pyjama gegen andere (gerne auch bequeme) Kleidung aus. Falls Sie Schwierigkeiten haben, aus dem Bett zu kommen, planen Sie etwas Angenehmes nach dem Aufstehen ein (z.B. Frühstück, Spaziergang, Telefonat) Achten Sie auf regelmäßige ausgewogene Mahlzeiten. To-do-Listen können hilfreich sein, planen Sie kleinere oder größere Projekte (neue Fertigkeiten erlernen, liegengebliebene Aufgaben, etc.). Notieren Sie Ihre erreichten Ziele oder erzählen Sie anderen Menschen davon.
  • Setzen Sie angenehme Aktivitäten oder Tätigkeiten um! Für eine ausgeglichene Stimmung ist es wichtig, Dinge zu tun, die Ihnen Freude bereiten. Leider fallen einige Tätigkeiten aktuell weg. Vielleicht kann es helfen, eine Liste zu schreiben, welche Aktivitäten Ihnen gut tun oder wie Tätigkeiten an die momentane Situation angepasst werden können (z.B. Sportkurse online, Videotelefonie). Regelmäßige Bewegung ist besonders wichtig, wenn Sie viel Zeit im häuslichen Umfeld verbringen. Planen Sie mindestens eine Stunde Bewegung in der Woche, besser sogar 30 Minuten alle ein bis zwei Tage ein.
  • Pflegen Sie Ihre sozialen Kontakte! Soziale Distanz hat negative Effekte auf unsere Stimmung und kann zu Einsamkeit führen. Eine Liste mit wichtigen Bezugspersonen kann hilfreich sein, um gezielt mit anderen Menschen via Telefon und Handy, Email, Videotelefonie oder über soziale Netzwerke in Kontakt zu treten. Versuchen Sie, sich jeden Tag mit anderen Menschen auszutauschen. Online Verabredungen zum gemeinsamen Sporttreiben, Spielen ö.Ä. können hilfreich sein. Sollten zu Hause Konflikte oder Schwierigkeiten mit Ihren Mitmenschen auftreten, kann es helfen, Zeit allein zu haben (z.B. allein spazieren gehen). Verabreden Sie sich für gemeinsame Aktivitäten (z.B. kochen oder Gesellschaftsspiele). Selten verbringen Sie so viel Zeit ohne außerhäusliche Aktivitäten mit Partner oder Familie, da ist es normal auch einmal genervt zu sein. Meist reichen ein paar Minuten bis eine Stunde, um „den Kopf frei zu kriegen.“
  • Versuchen Sie sich gedanklich abzulenken und abzuschalten. Informieren Sie sich maximal 2-3 Mal täglich zum Corona-Virus. Achten Sie dabei auf seriöse Quellen (z.B. RKI). Lesen Sie vor dem Einschlafen lieber ein Buch oder eine Zeitschrift statt Corona-Nachrichten. Manchmal kann es hilfreich sein, bewusst in Gesprächen auf das Thema „Corona“ zu verzichten. Wenn Sie merken, dass Sie grübeln, versuchen Sie das Grübeln zu unterbrechen und Ihre Gedanken auf ein anderes Thema umzulenken. Es ist in Ordnung, dass Sorgen aufkommen, verurteilen Sie sich nicht dafür. Versuchen Sie, Ihre Gedanken zu akzeptieren. Manchen Menschen hilft es, kreativ zu werden oder eigene Gedanken aufzuschreiben.
  • Tun Sie Ihrem Körper etwas Gutes! Schwimmbäder oder Fitnessstudios haben gerade geschlossen. Da ist das bewusste Einplanen körperlicher Bewegung besonders wichtig (siehe unter 2.). Manchmal können sich die Belastungen auch durch körperliche Anspannung bemerkbar machen, dann können Entspannungsverfahren wie Progressive Muskelentspannung, autogenes Training, Meditation oder Atemübungen hilfreich sein. Im Internet (z.B. bei YouTube oder auf Internetseiten der Krankenkassen) finden Sie viele Anleitungen zu den unterschiedlichen Verfahren. Probieren Sie einfach aus, was Sie als entspannend erleben. Manchen hilft es, ein Bad zu nehmen, andere hören lieber Rockmusik. Vermeiden Sie Drogen- und übermäßigen Alkoholkonsum. Versuchen Sie, ausreichend zu schlafen. Achten Sie dabei auf eine angenehme, dunkle Umgebung und versuchen Sie, vor dem unmittelbaren Einschlafen nicht mehr auf das Handy zu schauen.
  • Versuchen Sie, positiv auf Ihre Gefühle einzuwirken! Wie bereits beschrieben sind Existenzängste, Krankheitsängste, Traurigkeit und Hilflosigkeit, aber auch Wut beispielsweise auf die Politik oder andere Menschen in einer solchen Ausnahmesituation nachvollziehbar. Erlauben Sie sich diese Gefühle. Wenn diese Gefühle Sie dauerhaft belasten, versuchen Sie durch Aktivitäten, Sport oder auch Gespräche mit anderen Menschen positiv auf diese Gefühle einzuwirken. Manchmal kann es hilfreich sein, sich bewusst mit anderen Dingen oder Themen zu beschäftigen (z.B. Lieblingsfilm anschauen). Suchen Sie sich Tätigkeiten, die sie herausfordern (bspw. ein Instrument lernen, ein neues Rezept ausprobieren, ein handwerkliches Projekt planen). Manchmal „übersehen“ wir angenehme oder schöne Dinge gerade in schwierigen Zeiten. Dann können Sie ein „Positiv-Tagebuch“ führen und am Ende des Tages positive oder angenehme Dinge aufschreiben (hierbei sind auch kleine Details passend, z.B. jemanden angelächelt auf der Straße, blühende Bäume gesehen, Specht beobachtet).
  • Treffen Sie mit Ihrem Kind Vereinbarungen und verstärken Sie es positiv! Auch Kinder und Jugendlich können momentan besonders belastet sein. Versuchen Sie, Ihrem Kind die aktuelle Situation altersgerecht zu erklären. Seien Sie ehrlich, wenn Sie vielleicht eine Frage nicht beantworten können. Vereinbaren Sie feste Zeiten, zu denen sich Ihr Kind um Schulaufgaben kümmert. Legen Sie auch Zeiträume fest, in denen Sie gemeinsam Zeit verbringen, z.B. spielen oder Waffeln backen. Ihr Kind braucht aber vermutlich auch Zeit für sich, hierfür können ebenfalls Zeiten abgesprochen werden. Überlegen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind, wie es sich körperlich austoben kann (z.B. Spaziergang oder mit einer Kissenschlacht). Oft ist es hilfreich, Zeiten für Fernsehen, Handy oder Computer zu beschränken. Versuchen Sie Ihr Kind durch Lob positiv zu verstärken und zu erwünschtem Verhalten zu motivieren. Sehen Sie in der herausfordernden Situation möglichst von Strafen ab.
  • Sie tun etwas Gutes, wenn Sie die aktuellen Maßnahmen einhalten! So herausfordernd die aktuelle Situation auch gerade sein mag, Sie unterstützen die Gesellschaft und tragen zur Verminderung der Infektionsrate bei, wenn Sie sich an die Hygienemaßnahmen und die Einhaltung physischer Distanz halten! Auch Hilfsangebote für ältere Menschen in der Umgebung oder ein Einkaufsservice für Menschen in Quarantäne können die eigene Gefühlslage verbessern. Gleichzeitig ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass die Pandemie irgendwann zu Ende sein wird und die entsprechenden Maßnahmen verringert werden können.

Informationen für Patienten oder Angehörige von Patienten des St. Josefs-Hospitals Wiesbaden

Durch das aktuelle Besuchsverbot und die herausfordernde Gesamtsituation können Patienten und Angehörige besonders belastet sein. Videotelefonie kann ablenkend sein und eine Entlastung darstellen. Versuchen Sie auch im stationären Alltag eine Tagesstruktur aufzubauen. Überlegen Sie, wie Sie den Tag angenehm gestalten können (z.B. Lesen, Stricken). Der Psychosomatische Konsiliar- und Liasiondienst des St. Josefs-Hospitals Wiesbaden bietet für stationäre Patienten persönliche oder telefonische Unterstützung an. Sprechen Sie Ihre/n Stationsarzt/-ärztin an, diese informieren uns.

Sollten Sie sich in einer psychischen Notlage befinden, stehen Ihnen verschiedene Ansprechpartner zur Verfügung (Beispiele siehe unten). Psychotherapeutische Praxen dürfen Erstgespräche und Sprechstunden weiterhin durchführen und bieten diese teils auch videogestützt an.

Wichtige Telefonnummern:

  • Psychologische Soforthilfe täglich 9 – 18 Uhr: 0800 000 95 54 (kostenfreies Angebot von HelloBetter)
  • Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 116 111
  • Elterntelefon: 0800 111 0550
  • Pflegetelefon: 030 2017 9131
  • Hilfetelefon „Schwangere in Not“: 0800 404 0020
  • Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“: 0800 011 6016
  • Ärztlicher Bereitschaftsdienst: 116 117
  • Telefonseelsorge: 0800 1110111 / 0800 1110222

Hilfreiche Links:

Quellen:

  • Petzold, M. B.; Ströhle, A.; Plag, J. (2020). COVID-19-Pandemie: Psychische Belastungen können reduziert werden. Deutsches Ärzteblatt 2020; 117(13): A-648 / B-552.
  • Jacobi, F. (2020). Wie Sie häusliche Isolation und Quarantäne gut überstehen abgerufen unter https://www.psychologische-hochschule.de/wp-content/uploads/2020/03/jacobi_umgang-mit-quarant%C3%A4ne.pdf
  • Hautzinger, M. (2013). Kognitive Verhaltenstherapie bei Depressionen. Weinheim: Beltz.
  • Bartholomäus, M.; Schilbach, L. (2020): Psychisch gesund bleiben während Social Distancing, Quarantäne und Ausgangsbeschränkungen auf Grund des Corona-Virus.

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