Pandemien sind chronisch - HIV & COVID-19

Donnerstag, 01.12.2022

HIV und COVID-19 bringt man auf den ersten Blick nicht unmittelbar miteinander in Verbindung. Zum diesjährigen Welt-AIDS-Tag nimmt Oberarzt Dr. Michael Doll, Leitung unserer HIV-Ambulanz und Post-COVID-Sprechstunde, die Parallelen der beiden Viruserkrankungen in den Fokus: ihre chronischen Langzeitauswirkungen für Betroffene sowie ähnliche Erfahrungen mit Ängsten, Diskriminierung und Stigmatisierung.

"Leben mit Aids ist wie ein Leben im Krieg…“

Dies sagte Vito Russo im Jahr 1988, ein US-amerikanischer Filmemacher und HIV-Aktivist, der 1990 an AIDS verstorben ist.

Für viele Menschen brach buchstäblich eine Welt zusammen, als vor etwas mehr als 40 Jahren die HIV-Pandemie zur bitteren Realität wurde. Am 05. Juli 1981 wurde erstmals über ein mysteriöses Virus in den USA berichtet. Einige homosexuelle Männer waren damals an einer seltenen Form einer Lungenentzündung erkrankt. Viele Millionen Menschen weltweit verloren bis heute ihr Leben. Angst und Verzweiflung waren überall spürbar. Es folgten viele weitere, teils tödliche Erkrankungen, die man heute im Zusammenhang mit HIV gut kennt und meist erfolgreich behandeln kann.

Die Erkrankung, die man AIDS nennt, nämlich das Endstadium einer unbehandelten HIV-Infektion ist glücklicherweise selten geworden. Dank der guten Behandlung und dem Bewusstsein an HIV zu denken und zu testen. Die medizinische Behandlung von Menschen mit HIV ist heute in den meisten Fällen vergleichsweise komfortabel geworden. Menschen mit einer HIV-Infektion haben in der Regel eine normale Lebenserwartung. Man kann sich auf Begleiterkrankungen und die Optimierung der Medikamente in Hinblick auf Verträglichkeit und Langzeitnebenwirkungen bzw. deren Applikationsformen konzentrieren. So ist beispielsweise seit letztem Jahr eine Spritzentherapie zugelassen, die alle acht Wochen wiederholt wird und die bisher lebenslange tägliche Tabletteneinnahme ersetzt. Womit Menschen mit HIV heute allerdings noch immer zu kämpfen haben, ist Stigmatisierung und Diskriminierung. Zwar ist es in den vergangenen Jahren und Jahrzenten besser geworden, aber noch lange nicht optimal.

Die Corona-Pandemie (sowie auch Anfang 2022 die Ausbreitung des Affenpockenvirus) führt uns vor Augen, wie vulnerabel unsere Gesellschaft auch heute noch gegenüber Infektionserkrankungen sein kann. Lockdown, Quarantäne- und Isolierungsmaßnahmen erinnern auch an die frühe Zeit der HIV-Pandemie - nur das heute deutlich mehr Menschen unmittelbar davon betroffen sind.

Was wir mittlerweile wissen, ist, dass COVID-19 wie auch HIV zu chronischen Folgeerkrankungen führen kann. Man spricht vom sogenannten Long-COVID-Syndrom. Darunter wird eine Vielzahl von Beschwerden zusammengefasst, die das normale Leben auch lange nach Akutinfektion schwer beeinträchtigen und sogar ganz unmöglich machen können. Die Häufigkeit eines Long-COVID-Syndroms wird mit ungefähr 10–15 % aller SARS-CoV2-Infizierten angegeben. Die aktuell kursierende Omikron-Variante löst das Long-COVID-Syndrom sehr wahrscheinlich etwas weniger häufig aus. Blicken wir in der Zukunft einmal auf die COVID-19-Pandemie zurück, müssen wir auch über Long-COVID sprechen.

Im Mittelpunkt der Beschwerden steht ein übermäßiges Erschöpfungssyndrom (das sog. Fatigue-Syndrom), andere kognitive Einschränkungen sowie Atemnot. Viele Betroffene sind über lange Zeit krankgeschrieben, erkennen ihr Leben nicht wieder. Dinge, die vor COVID-19 selbstverständlich waren wie Sport, Job, Studium, Haushalt oder Privatleben sind nun nahezu unmöglich. Dies verstärkt nicht nur die körperlichen Beschwerden, sondern führt auch zu seelischen Problemen, Ängsten oder Depression. Vieles über das Long-COVID-Syndrom ist bislang noch unbekannt, aber die Ursachen werden immer besser verstanden. Die Überlegungen zu Ursachen und Behandlungsansätzen verdichten sich und könnten in naher Zukunft zu konkreten Therapieoptionen führen. Bis dato kann Betroffenen aber symptomorientiert geholfen werden. Eine große Beruhigung stellt zudem das Wissen dar, dass die Beschwerden in den allermeisten Fällen nach ca. zwölf Monaten abklingen bzw. vollständig verschwinden.

So komplex es auch sein mag, Long-COVID ist nur die jüngste Manifestation eines zu wenig beachteten Phänomens einer postinfektiösen Folgeerkrankung, die nicht selten andere chronische Erkrankungen antreibt, verschlimmert oder demaskiert. Berichten mir Long-COVID-Patient*innen von ihren Ängsten und Erfahrungen, muss ich daran denken, wie sich HIV-Infizierte wohl in den Anfängen der HIV-Pandemie gefühlt haben, als man über das Virus kaum etwas wusste und sie sich massiver Diskriminierung und Stigmatisierung ausgesetzt sahen. Die Ideen zur Abwehr der HIV-Pandemie reichten damals bis hin zur Absonderung HIV-Infizierter in spezielle Einrichtungen. Menschen, die heute unter dem Long-COVID-Syndrom leiden, machen weniger schlimme, aber dennoch ähnliche Erfahrungen, da man ihnen ihre Erkrankung äußerlich nicht ansieht. Sie hören Aussagen wie "Ich bin auch oft müde..." oder "Du sieht doch gut aus. Warum gehst du nicht arbeiten und liegst stattdessen den ganzen Tag auf der Couch?".

Schon jetzt sind viele Millionen Menschen weltweit an Long-COVID erkrankt, fühlen sich oft ausgegrenzt und unterversorgt - nur weil es sich um ein relatives neues Krankheitsbild handelt. Wie wir auch in der Anfangszeit von HIV/AIDS gesehen und gelernt haben, offenbart jede Pandemie die Notwendigkeit struktureller Veränderungen in der öffentlichen Gesundheitsversorgung und die inhaltliche Auseinandersetzung mit neuen Krankheitsbildern. Doch selbst wenn die Pandemie weiterhin Menschenleben fordert, stehen wir unter Druck, zu einem „business as usual“ zurückzukehren. Dabei sollten die Bedürfnisse von Menschen mit komplexen Folgeerkrankungen nach COVID-19 wie auch bei einer chronischen HIV-Infektion nicht vergessen werden.

Erfahren Sie hier mehr zu unserer HIV-Ambulanz und Post-COVID-Sprechstunde im JoHo.


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